Textauszüge aus:
Schwertfisch. Zeitgeist mit Gräten. Politische Perspektiven zwischen Ökologie
und Autonomie. (Yeti Press, Bremen, 1997)
Claudia Bernhard
Kritik der historischen Demokratie
"Demokratische Verhältnisse weltweit durchsetzen?!"
Die demokratische Tradition ist ein Ideal, das seit Jahrhunderten als eine
der wertvollsten Hoffnungen für eine emanzipierte Welt und konstitutiv für
die zivilisierte Gesellschaft gefeiert wird. Ihre Ursprünge liegen in zwei
verschiedenen historischen Epochen: zum einen die Athener Polis im 6./5.
Jahrhundert v. Chr., zum anderen die demokratischen bürgerlichen Revolutionen
in Europa und Nordamerika. Diese bürgerlichen Revolutionen bejubelten die
Ideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - Vorrechte die seit
Jahrhunderten dem weißen Mann vorbehalten sind.
Entgegen dieser historischen Exempel existiert nun gleichzeitig die tiefsitzende
Überzeugung, daß die Ideale, die "Idee" der Demokratie, wenn sie nur auf
alle angewendet würde, durchaus die Grundfesten einer emanzipatorischen
Gesellschaft sein könnte. Das heißt: Demokratie ist im Prinzip gut, nur
leider ist bislang die Umsetzung nur dürftig gelungen. Das ist eins der
größten Mißverständnisse bis heute. Demokratie als Mythos und als anti-emanzipatorische
Realität wahrzunehmen, ist ein Tabu - selbst unter Feministinnen, obwohl
der Ausschluß von Frauen durch Demokratisierung ein stetiger historischer
Fakt ist.
Die Herstellung von Demokratie, ob in Europa oder in Nordamerika, ist eng
verwoben mit dem Zeitalter der Aufklärung, dem Kolonialismus und der Industrialisierung.
Im 15. und 16. Jahrhundert begann eine neue Mobilisierung im Patriarchat,
"der Kapitalismus entwickelte in seiner Geschichte einen ideologischen Rahmen
der Unterdrückung und Erniedrigung, wie er nie zuvor bestanden hatte, den
wir heute Sexismus und Rassismus nennen." (Wallerstein) Der Siegeszug des
patriarchalen Kapitalismus basierte auf der globalen Ausbeutung. Im Laufe
dieser Entwicklung häuften sich in den Zentren Reichtum und Macht an, Wohlstand
breitete sich aus. Die materiellen Bedingungen der weißen Bevölkerung besserten
sich.
In dieser Situation mußte ein Gesellschafts- und Politiksystem etabliert
werden, das diese Verhältnisse festschrieb, das die Macht erhielt. Durch
die "Erfindung" der Demokratie als Machtsystem ist, mittels eines hierarchischen
Partizipationskonstrukts, die zivilisierte Gewaltausübung des weißen Mannes
überlebensfähig geworden. Die Gewalt wurde institutionalisiert, nicht mehr
von Einzelnen direkt ausgeführt, sondern staatlichen Institutionen überlassen.
Denn "der Zweck der Demokratie besteht darin, die notwendigen Gewalten zu
regeln, und sie rechtlich zu begründen nicht aber jegliche Gewalt zu zerstören."
(Alexis de Toqueville)
Demokratie ist aber nicht in einem Teil dieser Welt vorhanden und in anderen
nicht - wie es die westliche Politik darstellt, die von der Anwesenheit
der Demokratie im Westen ausgeht und in der "Dritten Welt" Abwesenheit von
Demokratie festgestellt (wofür Abhilfe zu schaffen sei). Demokratie ist
ein konstituierender Teil innerhalb eines Gesamtrahmens. Zur Demokratie
gehört die relative Teilhabe der Menschen in den Industrienationen genauso
wie der Ausschluß von Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern. Erst
diese beiden Seiten zusammen gesehen ergeben das vollständige Bild des demokratischen
Systems.
Trotzdem halten wir unser Gesellschaftssystem für das beste, was es gibt
und gab. In den letzten Jahrhunderten haben sich viele DenkerInnen mit der
Demokratie beschäftigt, sie analysiert und auch kritisiert. Die Ideengeschichte
wurde gedreht und gewendet, besonders von feministischer Seite wurden den
Philosophen ihre blinden Flecken, ihre Unzulänglichkeiten, ihre Fehler nachgewiesen.
Aber die Kritik ist nie radikal und umfassend genug gewesen.
Der erste und größte Denkfehler ist, Demokratie als Begriff wie als Gesellschaftssystem
getrennt von Kapitalismus zu sehen. Der zweite Fehler ist zu glauben, es
gäbe verschiedene Demokratien, eine gute und eine schlechte, eine bestehende
und eine zu verwirklichende, eine instrumentelle und eine moralische usw.
Es gibt nur eine, die die heute manifestiert ist und die eine lange Geschichte
hat. Demokratien basieren auf Unterdrückung, Hierarchien und Gewalt. Zu
ihrem Funktionieren gehören ideelle Rechte, soziale Besänftigungsmechanismen,
staatliche Gewalt und natürlich die Privilegierung der Eliten. In dieser
Zusammensetzung hat sich die Demokratie als äußerst tragfähig erwiesen.
Sie hat sich im Zusammenhang mit dem patriarchalischen Kapitalismus im Laufe
der Geschichte verändert. Es gibt durchaus eine Entwicklung bezüglich größerer
Partizipation, die Industrienationen sind demokratischer geworden. Hier
können mehr Menschen teilhaben an Geld, Bildung, Macht. Der Ausschluß nach
Geschlecht, Klasse und "Rasse" ist für einige weniger durchlässig geworden,
wenn sie sich als anpassungsfähig erweisen. Darüberhinaus ist Demokratie
wohl der genialste Exportartikel - "demokratische Verhältnisse weltweit
durchsetzen", das ist eine sehr moderne Form des Imperialismus.
Wir müssen heute die Demokratie nach ihrer Verquickung mit den gesamten
Unterdrückungsmechanismen untersuchen, wenn es uns nicht auch nur um einen
Anteil an der Beute geht. Es geht um eine Analyse der "historischen Demokratie"
- ein Verfahren, wie es von Wallerstein auf den Kapitalismus angewandt wurde.
Wallerstein kritisiert an den gängigen Kapitalismus-Analysen, daß sie von
einer "Idee" des Kapitalismus, einem "Prinzip" ausgehen - einem nirgends
existierenden "Kapitalismus in Reinform", den sie der Realität gegenüberstellen.
Rassismus und Sexismus z.B. erscheinen dann als "Verunreinigungen" diese
Prinzips, als etwas dem Kapitalismus Äußerliches. Die unvoreingenommene
Analyse des historischen Kapitalismus zeigt jedoch, daß ein Kapitalismus
ohne Rassismus und Sexismus nie existiert hat und wir gut daran tun, uns
einen Begriff von Kapitalismus zu bilden, der dieser historischen Realität
gerecht wird. In gleicher Weise ist nicht über die "Idee" der Demokratie
zu spekulieren - in Abgrenzung von ihren "Verunreinigungen" in der Wirklichkeit
- sondern die Analyse der historischen Demokratie ist zur Aufgabe zu machen:
der Demokratie, wie wir die wirklich vorfinden; und uns einen Begriff von
Demokratie zu machen, der dieser historischen Wirklichkeit entspricht.
[...]
Für ein Chaotisierung der Demokratie
Demokratiekritik betreiben ist nicht eben einfach, und schon gar nicht läßt
sich daraus eine Fülle von Perspektiven und Handlungen ableiten, die nur
darauf warten politisch praktisch umgesetzt zu werden. Es geht zunächst
darum, sich auf einen Denkanstoß, einen anderen Blickwinkel auf die gesellschaftlichen
Verhältnisse einzulassen.
Die kritische Frage ist, wie sich die beiden Seiten der "Demokratie" - das,
was zur historischen Demokratie gehört, wie Wahlrecht, Meinungsfreiheit
usw., und das, was dem ideellen Anspruch zuzuordnen ist, wie Freiheit aller,
Gleichheit etc. - zueinander verhalten. Relativ klar ist, daß die Erfüllung
der formalen Bestandteile des demokratischen Systems nicht dem ideellen
Anspruch schon gerecht wird. Dennoch ist der Glaube weit verbreitet, daß
sich durch weitere Verfeinerungen des demokratischen Systems irgendwann
dieser Anspruch zunehmend erfüllt, es also durch weiteren Ausbau der demokratischen
Instrumente einen Näherungsprozeß in Richtung einer emanzipatorischen Gesellschaft
gibt. Die hier vorgelegte Kritik der historischen Demokratie legt dagegen
den umgekehrten Schluß nahe: daß genau diese demokratischen Instrumente
eine herrschaftsfreie Gesellschaft ausschließen. Es gilt, sich nicht weiter
vom Mythos Demokratie blenden zu lassen, sondern Demokratie als Regelwerk
zu begreifen, das die Disziplinierung von Interessenskonflikten in der patriarchalisch-kapitalistischen
Gesellschaft betreibt.
Interessanterweise wird in vielen Diskussionen diese radikale Schlußfolgerung
geleugnet, aber indirekt doch bestätigt, wenn es auf die Ebene persönlicher
Erfahrungen mit demokratischen oder "basisdemokratischen" Strukturen geht.
Diese Erfahrungen zeigen, daß es immer eine Tendenz gibt, radikalere Positionen
zu marginalisieren oder gar auszugrenzen. Wenn die entsprechende Gruppe
nicht in einem hohen Maße homogen ist, setzt sich eine Linie durch, die
sich diffus in der Mitte ansiedelt oder möglichst jedes politische Profil
vermeidet. Den Menschen mit den radikaleren Positionen wird kein Raum mehr
zugestanden, aus Furcht, die gesamte Gruppe würde dann mit dieser Position
identifiziert und folglich vom demokratischen Mitreden ausgeschlossen, Die
Folge ist eine Selbstdisziplinierung, die ein Anecken vermeidet, und keine
Angriffsflächen bietet. Die Forderung nach Pluralismus meint nicht, verschiedene
Strömungen haben in einer Gemeinschaft Platz, sondern, ein Mensch hat am
besten in sich so plural zu sein, daß die Anpassung an die vorgegebenen
Strukturen ihm/ihr keine Schwierigkeiten bereitet.
Diese Haltung hat in den letzten Jahren intensiv um sich gegriffen. Die
Gründe dafür sind leidlich bekannt, trotzdem muß sich eine politische Gruppe
oder Bewegung spätestens dann fragen, wo der gesellschaftsverändernde Anspruch
noch eingelöst wird. Die Auseinandersetzungen um eine Alternative zu der
bestehenden Ordnung, um die Frage wie gesellschaftliche Macht verteilt,
die Teilhabe und Teilnahme an Entscheidungen organisiert bzw. entflochten
werden kann, ist in den linken Bewegungen im selben Maße verkümmert, wie
"Demokratisierung" zur unhinterfragten Perspektive für alles geworden ist.
Es ist sinnlos, in Bezug auf grundlegende Veränderungen die Hoffnung auf
etablierte Institutionen zu setzen. Das wirkt lediglich stabilisierend.
Wichtig ist, sich gesellschaftliche Strukturen vorzustellen, die demokratische
Entscheidungen unnötig machen. Dies auf allen Ebenen zu durchdenken und
dafür praktische Vorschläge zu suchen, wird die Aufgabe der nächsten Zeit
sein. Denn ein Ablehnen der Institutionen heißt nicht, sich rauszuziehen.
Es heißt, Position zu beziehen gegen eine Demokratisierung als Normierung,
als Zuweisung in die reglementierten Räume, die uns noch zugestanden werden.
Es heißt, Position zu beziehen für eine Chaotisierung der Demokratie, das
Unterlaufen der demokratischen Strukturen, das nicht noch mehr Freiräume
kaputt macht, sondern sie auszuweiten versucht. Allein durch das Nicht-Teilnehmen
oder Nicht-Teilhabenwollen ist noch nichts erreicht.
Wir können nicht entfliehen, was wir können. ist die Instrumente zu instrumentalisieren.
Es ist ein Unterschied zwischen dem, bei dem Spiel mitzumachen, um ein bestimmtes
Ziel zu erreichen, oder das Spiel für das Eigentliche zu halten. Wenn es
für eine Gruppe oder mehrere Gruppen notwendig ist einen Verein zu gründen,
sollen sie das tun. Den Formalia kann pragmatisch genüge getan werden, wenn
das widerständige Verhalten nicht aus dem Blick gerät. Es gibt auch einen
Unterschied zwischen Antragslyrik und der praktischen Politik. Nur ist es
zwingend beides auseinanderzuhalten. Zugegeben, das ist nicht leicht. Aber
die politischen Gruppen und Initiativen befinden sich am Rand der Etablierung,
sie tragen dieses System nicht, sie haben immer noch Möglichkeiten Gegengewichte
zu entwickeln. Diese Möglichkeiten müssen genutzt werden. Und diese Möglichkeiten
liegen in der Verweigerung der Normierung, liegen in der kreativen Improvisation,
liegen in Aktionen, die wagen einen eindeutigen politischen Standpunkt zu
vertreten.