aus dem online Standard 4.2.2000

Kündigungsgrund: "Neue politische Situation"

Innenpolitik-Redakteur der Oberösterreichischen Nachrichten soll "nicht mehr tragbar" sein - Die Redaktion der OÖN protestiert schärfstens Aufregung in der oberösterreichischen Medienszene: Zeitgleich mit der Angelobung der neuen VP-FP-Bundesregierung wurde dem Innenpolitik-Redakteur der Oberösterreichischen Nachrichten (OÖN), Gerhard Marschall, von Herausgeber Rudolf Andreas Cuturi mitgeteilt, dass er "angesichts der neuen politischen Situation nicht mehr tragbar" sei. Sollte keine einvernehmliche Trennung zustande kommen, werde er gekündigt, berichtet Marschall im Gespräch mit dem Standard.

Cuturi zufolge hätten, so Marschall, die "scharfe Diktion und der Schreibstil" immer wieder für "negative Reaktionen bei den OÖN-Lesern bis hin zu Abo-Abbestellungen gesorgt". Die OÖN könnten sich ihn daher nicht mehr leisten. Marschall hat sich Bedenkzeit ausgebeten.

Vorsitzende der Journalistengewerkschaft: Das "erste Politopfer eines Rechtsruckes in Österreich"

Der Redakteursrat der OÖN protestiert schärftstens "gegen das erzwungene und politisch motivierte Ausscheiden des Kollegen Gerhard Marschall" (Erklärung siehe unten). Die Journalistengewerkschaft schließt sich diesem Protest der Redakteure und Redakteurinnen an. Für die Vorsitzende der Journalistengewerkschaft, Astrid Zimmermann, ist Marschall das "erste Politopfer eines Rechtsruckes in Österreich. Es ist für mich vollkommen unverständlich und inakzeptabel, dass eine sich unabhängig nennende Tageszeitung in vorauseilendem Gehorsam Druck auf kritische Journalisten ausübt und sie gar mit Kündigung bedroht." Die Gewerkschaft verurteilt diese Kapitulation vor dem Rechtsruck in Österreich.

Die Interessensvertretung österreichischer Journalistinnen und Journalisten ist darüber hinaus in großer Sorge, dass sich der Druck auf unabhängige und kritische Kollegen und Kolleginnen erhöht und der Versuch, diese mundtot zu machen, kein Einzelfall bleiben wird.

Vor einem halben Jahr verteidigten Chefredakteur Hans Köppl und Cuturi Marschall gegen Attacken von Jörg Haider, nachdem dieser in einem Interview seinen Landeshauptleute-Kollegen vorgeworfen hatte, "nichts arbeiten zu wollen". Haider bestritt die Aussagen und warf Marschall vor, er sei ein "links-grüner Journalist, der ja bekannt ist, dass er Auftragsarbeiten besorgt". Durch einen Tonbandmitschnitt wurde das Zitat aber eindeutig belegt. Die OÖN-Spitzen verwehrten sich damals in einem Brief an Haider gegen diese "rufschädigende Aussage". (moe/nim/red)

IM WORTLAUT

Erklärung der Redaktionsvollversammlung der Oberösterreichischen Nachrichten "Die Redaktion der Oberösterreichischen Nachrichten protestiert schärfstens gegen das erzwungene und politisch motivierte Ausscheiden des Kollegen Gerhard Marschall. Diese Aktion gefährdet dieGlaubwürdigkeit der Oberösterreichischen Nachrichten als unabhängige undweltoffene Zeitung, die sich für die Gesamtinteressen des Landes einsetzt. Die Redaktion fordert nachdrücklich die Rückkehr des Kollegen Marschall.

Ferner fordert die Redaktion vom Herausgeber und vom Chefredakteur Garantien gegen weitere, politisch motivierte Kündigungen oder Entlassungen sowie für die Unabhängigkeit der Oberösterreichischen Nachrichten."

Diese Resolution wurde von 42 anwesenden Redaktionsmitgliedern bei einer Stimmenthaltung in der Redaktionsvollversammlung (4. Februar) angenommen.

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