Folgendes Interview hat Andreas Tröscher mit Kurto Wendt, einem Teilnehmer des "Komittees gegen SchwarzBlau" geführt. Dieses Interview erschien in der Volksstimme vom 17.2. 2000
volksstimme:
1) in den letzten paar wochen erfuhr die politische landschaft in österreich
eine grundlegende wandlung. nahezu täglich gehen tausende menschen gegen
die neue schwarz-blaue regierung auf die strasse. dabei hat sich eine richtige
"bewegung" gegen blau-schwarz gebildet. wie setzt sich diese zusammen? ist
das eine typische männeraction oder haben auch frauen dort das sagen? wie
würdest du die bewegung charakterisieren (antiautoritär? links? autonom?...)
- welchen namen würdest du ihr geben? von wem kam eigentlich die initialzündung
zur entstehung dieser bewegung?
Kurto:
die initialzündung der bewegung ist, wie bei solch spontanen ereignissen,
schwer festzustellen. ausschlaggebend war sicherlich einerseits die massive
auslandskritik, die alle österreichischen antifaschistInnen aufgerüttelt
hat selber aktiv zu werden. chaostheoretisch betrachtet war sicherlich der
zufällige zusammenfall von der besetzung der övp-zentrale am 1.2. durch
eine aktion von 40 einzelmenschen aus untzerschiedlichen zusammenhängen
und die tags darauf angemeldete sos-mitmenschdemo ebendort ein auslöser
für das neue demonstrationsmilieu. daß sich daraufhin tägliche demos entwickelten,
ist auf spontane ansagen von menschen mit megafonen und der bereitschaft
von vielen bisher nichtorganisierten menschen diesen aufrufen zu folgen,
zurückzuführen.
die zusammensetzung der bewegung ist schwer einzuschätzen. die ca. 20 kommunistischen,
trotzkistischen, grünen und sozialdemokratischen organisationen, die sich
zum aktionskomittee gegen schwarz-blau zusammengeschlossen haben würden
in ruhigen zeiten vielleicht insgesamt 1000 leute auf die straße bringen.
frauenorganisationen, künstlerInnengruppen, umweltaktivistInnen stellen
vielleicht zusätzlich noch 500. der rest sind nichtorganisierte studentInnen,
schülerInnen, migrantInnen aber einfach auch familien mit kindern, pensionistInnen
ect. Nimmt man/frau die demo vom 12.2. mit ihren 15.000 teilnehmerInnen
kann man/frau durchaus davon sprechen, daß sich sehr viele menschen selbst
mobilisiert haben gegen diese regierung aufzutreten.
den charakter der bewegung kann man/frau schwer umschreiben. es ist eine
eindeutige absage an reaktionäre gesellschaftskonzepte, es ist eine eindeutige
bewegung zum sturz von schwarz-balu und es ist eine bewegung die zum teil
eine absage an die repräsentativdemokratie. in wieweit die bewegung die
gewerkschaftliche orientierung, die vom aktionskomittee gegen schwarzblau,
propagiert wird, mitträgt, ist offen.
die maßgebliche beteiligung von frauen ist insofern gegeben, wie diese in
den beteiligten gemischten organisationen vertreten sind. wie in allen spontanen
bewegungen wirken patriarchale strukturen auch in diesen bewegungen und
sind autonome feministische positionen bisher unterrepräsentiert. das beste
beispiel ist die frauenaktion, die durch die überfallsartige eile bei der
angelobung der neuen regierung, am tag der angelobung am ballhausplatz stattfinden
sollte und von der polizei verboten wurde. an diesem freitag gab es die
bestzung des sozialministeriums, stundenlange demos, wasserwerder- und knüppeleinsatz
der polizei und keinerlei aufmerksamkeit für die etwa 500 frauen, die einen
massiven protest- und forderungskatalog vorgelegt haben.
wenn die bewegung erfolgreich sein will, wird sie auch platz haben müssen
für eine eigene feministische frauenstruktur. es wäre absurd ein frauenministerium
zu fordern und intern keine frauenstrukturen zu entwickeln.
2) was sind die ziele der bewegung?
hauptziel ist glaube ich die durchsetzung eines fortschrittlichen gesellschaftskonzepts.
kaum jemand ware damit zufrieden wenn wir wieder schwarzrot hätten. die
mobilisieren der menschen für ihre eigenen interessen, die aufrüttelung
aller nischenprojekte und der interessensvertretungen der arbeitenden und
arbeitslosen menschen ist teil des kampfes. ein weiteres ziel ist die verknüpfung
des kampfes gegen rassismus und sexismus mit dem kampf gegen sozialabbau
und militarisierung. das engagement gegen eurorassismus und das herrschaftsprojekt
eu darf auch nicht dem kampf gegen schwarzblau geopfert werden.
3) welche perspektiven des widerstandes gibt es? sturz der regierung? oder
was sonst?
ja, der sturz der regierung wäre schon eine geile sache. ich geb ihr ein
bis 2 jahre, gehe aber davon aus, daß dazu ein massiver druck der gewerkschaften
bis hin zu streiks notwendig sein wird. aber auch die inneren widersprüche
innerhalb der övp werden die halbwertszeit der regierung reduzieren.
4) in den medien wurde verstärkt über versuche der vereinnahmung dieser
bewegung resumiert. gibt es derartige versuche? wenn ja, von wem? wie setzt
sich die bewegung damit auseinander?
natürlich präsentieren sich alle beteiligten gruppen massiv in der bewegung.
noch nie wurden so viele flugblätter verteilt, noch nie wurden aber auch
so viele flugblätter gelesen! ich halte das eigenständige politische wirken
aller organisationen in den demos für einen sehr wichtigen aspekt der politisierung
in österreich. das lose breite bündnis, das organisierend in die demos eingreift
schränkt nicht die spontaneität der bewegung ein, sondern ist erst die basis
für deren entfaltung. vereinnahmt wird die beweguing am ehesten noch von
der regierung, die uns alle als terroristen (rauch-kallat) bezeichnet, beziehungsweise
mit der antikommunismuskeule winkt (westenthaler). ich habe viele demonstrationsteilnehmerInnen
die mich gefragt haben woher ich komme gesagt, daß ich kommunist bin. die
meisten haben sinngemäß geantwortet:"macht nix, hauptsache wir machen was
gemeinsam gegen die regierung". das sollte sich auch die spö hinter die
ohren schreiben, die sich ständig nur von der gewalt distanziert, die es
nie gegeben hat.
5) verhältnis der bewegung zu sos-mitmensch und demokratischer offensive
und der demo am 19. februar? (wie wird sich die bewegung dort präsentieren?)
die meisten menschen, die bisher auf den demos waren, waren schwer enttäuscht
von sos-mitmensch. die, die zivilgesellschaft etablieren wollen, haben sich
ständig distanziert, eine angekündigte demo abgesagt und als protestmaßnahme
zur angelobung das tragen schwarzer kleidung vorgeschlagen. die demo am
19. wird ein pro-eu-spektakel mit vielen prominenten rednerInnen und wenig
platz für einzelne, sich zu entfalten. das zum beispiel ein mitglied der
schwer diskreditierten cdu auf dieser demo reden wird hat viele von uns
schwer irritiert.
wir organisieren eine eigene auftaktkundgebung am westbahnhof (13 uhr) und
gehen dann gemeinsam mit den gewerkschafterInnen zum parlament und zur uni.
es ist dem 19. zu wünschen, daß 100.000e auf die straße gehen. ein inhaltlicher
höhepunkt der protestbewegung wird dieser tag höchstwahrscheinlich aber
keiner.
6) wird es weitere demos geben? oder auch andere aktionsformen des widerstandes?
gibts schon fixe termine??
es gibt den vorschlag ab näxter woche die demos jeweils auf donnerstag zu
konzentrieren, um anderen aktionsformen mehr raum zu geben. für nächste
woche ist eine kundgebung am 22.2.2000 vor dem sozialministerium anläßlich
des 11. todestages von alfred dallinger geplant. es wird wietere besetzungsaktionen
geben. viel input erwarten wir uns auch von der künstlerInnen- und wissenschafterInneninitiative
gettoattack
7) in den medien ist zunehmend die tendenz erkennbar, rechts und links gleichzustellen
(siehe justiz-krüger in "zur sache" - thema: verbotsgesetze). rechnet die
bewegung mit härteren massnahmen der exekutive bei den demos?
die verschärfung wird nicht zuerst auf den demos stattfinden. bereits jetzt
arbeitet die politische polizei an der massiven kriminalisierung des politischen
protests. vorsicht ist jedenfalls geboten. wir werden auch künftig konspirativer
arbeiten müssen.
8) thema kommunikation - wie verständigen sich die demonstranten untereinander?
in zeiten von e-mail, chat, handy (sms) und dergleichen geht ja alles viel
schneller? wie läuft das genau ab bzw. wie schnell ist mit so einer vorgangsweise
tatsächlich eine demo mit mehreren tausend menschen auf die beine zu stellen?
der mythos "internetrevolte" versucht die berichterstattung über demos von
ihrer politischen dimension abzulenken. internet, handys ect. gibts seit
einigen jahren, was die leute auf die straße treibt ist die empörung über
die politische lage in österreich. daß demo-organisation sich auf modernste
technologische mittel stützt ist selbstverständlich, wir sind ja keine trotteln,
daß dies allerdings so gut funktioniert ist der bunten breite der bewegung
zuzuschreiben. es gibt keine zentrale die alles organisiert. jedEr organisiert
per handy seine/ihre 50 freundInnen, das isses. ein beispiel: ich war am
dach der övp-zentrale und hab den anruf eines flüchtigen bekannten gekriegt,
der mich fragte, ob er eine homepage über die besetzung einrichten soll.
ich hab gesagt: super mach, ich weiß zwar nicht, wie lange das dauern wird,
aber ich freu mich total über diese unterstützung. diese homepage heiß jetzt
www.gegenschwarzblau.net, hat über 80.000 zugriffe und ist wahrscheinlich
die hauptinformation für viele aktivistInnen. die betreiberInnen gehören
keiner organisation an, gehen zu keine besprechungen und sind trotzdem ein
wichtiger bestandteil einer breiten bewegung.
herzlichen dank!
andreas