bady minck / elektrofrühstück

über den 19 02 2000

am samstag war wien tatsächlich einmal anders. am vormittag schon war eine
sehr ungewohnte athmosphäre in der ganzen stadt zu spüren: die strassen in
den wohnvierteln leer, im zentrum eine langsame, aber stetige bewegung zu
den startpunkten der demonstration. ab mittag dann, trotz regen, eine
wachsende und wandernde bunte menschenmenge in der innenstadt.

unübertroffen die plakate 'DER HAI DER HAI DER HAI – kärnten ist ein
wahnsinn', zu sehen der bärentaler mit beeindruckendem gebiss; 'maeusepower
gegen rechts' von einer kindergruppe; cool die kids mit den 'würrrrg!
urghhhh!!! umpf'-comics-transparenten; süss der junge hippie mit dem
winzigen blauen schild 'NO', auf zwei zahnstochern befestigt; anstaendig:
'diese regierung schadet ihrer gesundheit' von der belegschaft des
hanusch-krankenhaus. stark: ein alter mann, kz-opfer aus israel, der mit
einem kleinen schild neben der oper stand, darauf auf deutsch 'im namen von
sechs millionen' und auf hebraeisch 'nie wieder'.

das guertellokal rhiz versorgte die demonstrantInnen gratis mit
mineralwasser, und, für alle die es noch nicht wissen (etwa unsere lieben
freunde im befeindeten ausland): der heldenplatz war voll! zwischen
150.000(polizei), 200.000 (kronen zeitung) und 300.000 (organisatoren)
demonstrantInnen (wir schätzen: 250.000 auf dem heldenplatz und 30.000
davor auf dem ring) waren gekommen, um sich von einer gerührt-rührenden
dolores 'ich-bin-so-stolz-auf-euch' schmidinger und willi resetarits durch
den abend geleiten zu lassen.

das timing der reden: eine katastrophe. in der ersten stunde sprachen
robert misik, alfred dorfer, andreas vitasek, tv-kommissar krassnitzer und
die vizepraesidentin des oegb. letztere verwechselte die demonstration mit
einem gewerkschaftskongress und hielt eine rede, die an heuchelei ((c)
lendvai) schwer zu ueberbieten gewesen waere: ist es nicht der oegb, der
sich seit jahren gegen das aktive wahlrecht von auslaender/innen bei
betriebsratswahlen stemmt? der die auslaenderpolitik eines loeschnak, eines
schloegl nicht nur mitgetragen, sondern 'aus ruecksicht auf die
arbeitsplatzsituation' sogar eingefordert hat? ein thema, das bei dieser
rede natuerlich nicht angesprochen wurde - dafuer schwor die rednerin, dass
wir alles unternehmen wuerden, damit lehrlinge nicht bis 23.00h werden
arbeiten muessen. bei allem verstaendnis fuer die sorgen des oegb um die
lehrlinge: der heldenplatz am 19. 2. 2000 war nicht der richtige ort fuer
derartige appelle. der oegb hatte auf dieser rednerliste nichts zu suchen.

die ansprachen von misik (hervorragend: 'herr bundeskanzler, diese
demonstrationen werden ganz einfach verschwinden: treten sie zurueck, und
das alles ist vorbei!'), vitasek, dorfer, krassnitzer (an die SPOE: 'nützt
eure chance! befreit euch endlich von euren machterhaltungssystemen und von
den golfschlägern!') waren natuerlich sehr in ordnung, aber: durch das
miserable timing kamen nur diese vier in den hauptnachrichtlichen zib
1-bericht, den ueber eine million menschen verfolgten; ariel muzicant und
seinen, von zahlreichen abgesandten juedischer gemeinden unterstuetzten
appell konnte man zwar live im orf sehen, aber leider nicht hoeren. die
weiteren hauptredner - michel friedmann, michel piccoli ('Resistance!
freiheit fuer alle!'), doron rabinovici ('diese regierung muss
zuruecktreten') - erreichten nur mehr 100.000 statt der urspruenglich
250.000 demonstranten und die wenigen zuschauer einer kleinen sonder-zib um
23.20h. den starken auftritt von bernard-henri levy brachte der orf gar
nicht mehr unter.

egal. was zaehlte, war die demonstration an sich und die masse an menschen,
die sich zu ihr zusammengefunden hatten. und wer durchhielt, bekam einige
geniale reden zu hoeren: karl stojka, der von seinem arm die eintätowierte
kz-nummer ablas; barbara coudenhove-calergi, die ruhig und charismatisch
darlegte, dass nicht die regierung, sondern diese demonstration österreichs
isolation durchbrechen helfe; michel friedmann, ein brillanter redner, der
einen flammenden appell an die konservativen kraefte im land richtete;
michel piccoli, der in drei minuten einfacheres, schoeneres und mehr sagte
als manch andere in 20 minuten (etwa: 'ici, nous vivons la naissance d'une
nouvelle autriche! - wir erleben hier die geburt eines neuen oestereich!');
und bernard-henri lévy, dessen republikanisches pathos der wucht des
heldenplatz wirklich gewachsen war. lévy erwies sich nicht nur als bester
redner des abends, er legte in einer scharfen analyse auch dar, wieso der
franzoesische haider, naemlich le pen, in frankreich keine chance auf eine
regierungsbeteiligung mehr hat.
drei gruende:

1. 'grace à des manifestations comme celle-ci que nous avons organisé
pendant 15 ans partout en france' - dank der demonstrationen wie dieser
hier, die wir 15 jahre lang ueberall in frankreich organisiert haben

2. 'on nous a dit: jugez le front selon ses actes! et nous avons répondu:
il faut juger le front selon ses paroles! parce-que ce ne sont pas DES
IDEES POLITIQUES COMME DES AUTRES, ce sont des DELITS!' - man hat uns
gesagt: beurteilt den front national nach seinen Handlungen! und wir haben
geantwortet: wir werden den front nach seinen Worten beurteilen! denn es
handelt sich hier nicht um POLITISCHE IDEEN WIE ANDERE AUCH, sondern um
DELIKTE!'

3. 'nous avons gagné le combat parce-que les conservateurs ont tenu. en
europe, chaque fois que les conservateurs ont tenu contre le fascisme, il a
été vaincu; quand ils ont cedé, le fascisme a gagné.' - wir haben den kampf
gegen le pen gewonnen (dessen partei aufgerieben ist und bei 5% der stimmen
liegt, anmerkung), weil die konservativen standgehalten haben. jedes mal,
wenn die konservativen in europa standgehalten haben, wurde der faschismus
besiegt; wenn sie nachgegeben haben, hat der faschismus gesiegt.

dann seine conclusio - ein appell an alle anstaendigen, aufrechten
buergerlichen, christlichen, katholischen kraefte: 'tut alles, damit diese
unmoralische zusammenarbeit mit der fpoe beendet wird. schuessel hat nur
zwei moeglichkeiten: entweder, er verlaesst bald diese koalition und rettet
oesterreichs ehre; oder er wird selbst auf dem misthaufen der geschichte
landen.'

dem koennen wir uns nur vollinhaltlich anschliessen, ebenso der
kaempferischen schlussrede von doron rabonovici. er forderte schuessels
ruecktritt und neuwahlen, denn: 'die mehrheit der oevp-waehler und nicht
wenige fpoe-waehler haben diese regierung nicht gewollt!' und er antwortete
schuessel, der in der 'nzz' gemeint hatte, diese demonstration wuerde ein
letzter emotionaler aufschrei sein, danach wuerde wieder ruhe im land
einkehren: 'da irren sie sich mal nicht! wir werden solange da sein, bis
diese regierung abgetreten ist.'

genau!

(die zitate sind aus dem gedaechtnis niedergeschrieben und daher inkomplett
und nicht wortwoertlich wiedergegeben.)


uebrigens erreichte uns soeben per mail das erste gestaendnis eines
demonstranten, dass seine aktivitaeten bezahlt worden sind.
ein anonym bleibender freund: "Die Bahnkarte nach Wien, und nun muss ich
mich outen, wurde mir bezahlt, und zwar von einer Verwandten, die seit sie
wählen darf (und das darf sie schon sehr lange) immer die ÖVP gewählt hat.
Ich vermute so wie sie, nämlich "nie mehr ÖVP", denken mittlerweile Zehn-
ja Hunderttausende ehemalige ÖVP-Wähler in diesem Land."