[veröffentlicht im rahmen von bady mincks elektrofrühstück]
Burgtheater, Samstag abend, envoyée spéciale:
Ina Ivanceanu
22:30h: das Burgtheater hat zum Nachtfoyer geladen zu „Europa, Kultur und
das Fremde“. Auf der Bühne, erst weit hinten, dann sich dem Publikum
sesselrutschend annähernd: Bernard-Henri Lévy, Jacques Ralitte (französ.
Senator), Doron Rabinovoci, Anne Bennent, Luc Bondy, Elisabeth Orth,
Cornelius Obonya, Klaus Bachler, Michel Piccoli, Silvio Lehmann als
Moderator, Michel Friedmann (stellvertrender Vorsitzender des Zentralrates
der Juden in Deutchland), Michel Cullin, Sibylle Summer (Republikanischer
Club), und Harlem Désire, Gründer von sos- Racisme Frankreich (etwaige
Irrtümer bzw. Unterlassungen bitte zu verzeihen).
Müde, aber enthusiastische RednerInnen, die den ganzen Tag geredet und
eigentlich nichts mehr zu sagen hatten (das Thema Künstlerboykott oder
nicht wischte Michel Piccoli vom Tisch: Österreich brauche gerade jetzt
die
Unterstützung internationaler KünstlerInnen), beglückwünschten sich
gegenseitig zum grossen Erfolg des Tages vor einem dankbaren Publikum. Eine
honorige Männerrunde, die von der erfrischenden Anne Bennent leider bald
verlassen wurde („man hat mich auf diese Podium gebeten, weil zu wenig
Frauen da sind, ausserdem können sich diese Leute hier sicher besser
ausdrücken, und heute hab ich zum ersten Mal Polizisten gesehen die Leute
grundlos festnehmen, und ich gehe jetzt nach Hause, Wiedersehen“).
Bernard-Henri Lévy („es ist unglaublich, dass die Österreicher heute am
Heldenplatz den Vertretern der jüdischen Gemeinden zugejubelt haben“),
erhob sich, um den“ Schwur des Burgtheaters“ zu leisten: Gemeinsamer Kampf
bis zum Ende der Koalition – die Redner schworen und mit ihnen das
begeisterte Publikum. Kurz darauf eine neue Gruppe im Saal: „Draussen vor
dem Burgtheater prügelt die Polizei JETZT auf Demonstranten ein! Wie könnt
ihr hier sitzen und Reden schwingen!“ Tumult im Saal und auf der Bühne:
ein
leicht cholerischer Luc Bondy („Gewalt darf nicht sein, von keiner
Seite!“), ein aufgeregter Silvio Lehmann („wir lassen uns nicht
instrumentalisieren“), wütende DemonstrantInnen, die die Unschuld der
Verprügelten beteuern, Zwischenrufe („Bondy du Arschloch!“ Antwort: „Reden
Sie nicht so mit mir!! So redet niemand mit mir!!“), schliesslich ein
Kompromiss: der Gründer von sos-racisme und Monsieur Rallite verlassen den
Saal, um die Berichte zu überprüfen. Trotz Doron Rabinovicis gutgemeinter
Versuche, den Abend zu retten, senkt sich kurz darauf der eiserne Vorhang
über das Geschehen.
Später sagt ein Polizist zu einer Burgschauspielerin: „Wir wissen, dass
wir
hier nicht erwünscht sind“.
(Das Burgtheater umweht inzwischen ein revolutionärer Ruf, den es
eigentlich nicht verdient hat).
Inzwischen kursiert die Geschichte vom Bärentaler (Haider) und seiner
„offensichtlich verängstigten Ehefrau“ („ Kronen Zeitung“), die nur unter
Polizeischutz die Pizzeria im achten Bezirk verlassen konnten.
Augenzeugen berichten später von agressiven DemonstrantInnen vor der ÖVP
–Zentrale und PolizistInnen, die doch noch die Nerven verloren haben (?).
Die BurgtheaterbesucherInnen stehen noch lange diskutierend am Ring, die
Theaterkantine ist zum Bersten voll, in den Lokalen der Umgebung reden sich
Demonstranten und Nicht-Demonstranten die Köpfe heiss (an dieser Stelle
noch ein Tip: Suchen Sie nach Demonstrationen, bzw. vielleicht auch sonst,
nicht die Cocktail-Bar Shultz Ecke Siebensterngasse/Kirchengasse auf –
Gäste mit Anti-Rassismus-Ansteckern sind dort nicht willkommen, was durch
das geschrei eines kellners "raus mit den transparenten!" und die
verweigerung eines freien stehtisches offensichtlich wurde).
Das Ende eines langen Tages.
(die zitate sind aus dem gedaechtnis niedergeschrieben und daher inkomplett
und nicht wortwoertlich wiedergegeben.)