GEMÜTS- UND TECHNOFASCHISMUS
Robert Jungk 1991
Es ist eines der großen Verdienste des Seelenforschers Wilhelm Reich, daß
er 1934 angesichts der Machtergreifung des Nationalsozialismus nicht nur
wirtschaftliche und nationale Bedrängnisse für den Erfolg des „Führers"
verantwortlich machte, sondern auch seelische Defizite, die der „Retter"
Adolf Hitler auszugleichen versprach.
Wenn heute im Zeichen ökonomischer Hochkonjunktur Vertreter faschistischer
oder faschistisch beeinflußter Programme Zulauf erhalten, dann sollte man
sich an diese - vor allem von der Linken - zu wenig beachteten Erkenntnisse
über die „Massenspychologie des Faschismus" erinnern. Weiter verbreitet
noch als die durch Rationalisierung und rücksichtslose Strukturveränderungen
bewirkte materielle Arbeitslosigkeit ist meiner Ansicht nach die „seelische
Arbeitslosigkeit" von Millionen, die in der von Technokraten verwalteten
Konsumgesellschaft weder Lebenssinn noch Möglichkeiten eines sie erfüllenden
Engagements entdecken. Desillusion und Resignation beherrschen die Stunde.
Wer auf überzeugende Weise dem entgegenarbeitet, indem er an Selbstbewußtsein,
unterdrückte Wut und so etwas wie einen Gemeinschaftsgeist appelliert, gewinnt
Anhänger. Sie brauchen Begeisterung, sei sie auch irregeleitet, dringender
als Brot.
In „Player piano", einem Science-fiction-Roman von Kurt Vonnegut, der kurz
nach dem Krieg erschien, schildert er das Leben der Menschen in einer hochtechnisierten,
vollautomatisierten Gesellschaft der nahen Zukunft. Tagsüber müssen sie
sich den Zwängen der „großen Maschine" unterwerfen, die anonyme, austauschbare
Bestandteile aus ihnen gemacht hat, am Abend und in der Nacht aber können
sie sich in den romantischen Slums der Städte ausleben. Da dürfen diejenigen,
die stundenlang schweigen und den Ärger herunterschlucken müssen, sich austoben.
Die Präzision und Disziplin der Arbeitsstunden ist jetzt nicht gefragt.
Schreien, Toben, brüllendes Lachen, ja auch Schluchzen sind nicht nur gestattet,
sondern als die nunmehr passende Verhaltensweise verlangt.
Wer je eine Versammlung der Anhänger Le Pens, eine der biergeschwängerten
Massenversammlungen zu Füßen von Franz Josef Strauß oder dem „neuen Franz"
Schönhuber erlebt hat, weiß, wie hoch da die Gefühle gingen und gehen. Da
fühlt sich niemand mehr einsam, unterdrückt, zum vernünftigen Tun vergattert,
sondern als Teil einer singenden, brüllenden, klatschenden Gemeinschaft
von Patrioten, die ihren „Mann" stehen und von einer weisungsgebenden Figur
auf den Heilsweg geführt werden. Und am nächsten Tag? Da werden sie wieder
zu grauen Mäusen, zu gehorsamen Bürokraten, folgsamen Angestellten, fleißigen
Lohnbeziehern. Genau wie das Management sich seine Hand- und Kopflanger
wünscht. Der Gemütsfaschismus, den die Neuen Rechten zum politisch ernstzunehmenden
Faktor gemacht haben, korrespondiert exakt mit dem Technofaschismus der
Industriegesellschaft, indem er kompensatorisch befriedigt, was im kalten,
rationalen, entfremdeten Alltag der Produktionsuntertanen und ihrer anonymen
Manager vernachlässigt wird.
War es denn unter Hitler und Mussolini sehr viel anders? Sie wurden auf
Wogen des Sentiments nach oben gespült, um dann dort die Begeisterung ihrer
Gefolgschaft als Gegenleistung für ihre Beteiligung an der Macht der Großkonzerne
einzubringen. Speer, der die Aufrüstung organisierte und die Todesproduktion
des Krieges so perfekt verwaltete, daß das objektiv viel schwächere Dritte
Reich sich jahrelang gegen eine ökonomisch, technisch und demographisch
weit überlegene Allianz halten konnte, war die andere, viel zu wenig beachtete
Führerfigur des deutschen Faschismus.
Es ist kein Zufall, daß viele der Gründerpersönlichkeiten der nach dem Zusammenbruch
glänzend wiederauferstandenen deutschen Wirtschaft das „Führen" und Organisieren
in den Massenorganisationen der Partei und des Heeres erlernt hatten. Ähnliches
trifft unter etwas veränderten Vorzeichen für die Managerelite der USA,
Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und vor allem Japans zu, wo militärische
Tugenden als Voraussetzung erfolgreicher Unternehmensführung offen anerkannt
werden. Die Technofaschisten haben allerdings begriffen, daß Uniformen und
militärische Umgangsformen von der Mehrheit der Nachkriegsgeneration abgelehnt
werden. So geben sie sich äußerlich zivil, vernünftig, ja sogar freundlich
lächelnd. Über die harte Faust des Herrschers wird der Samt demokratischen
Umgangsformen gestülpt, aber wirkliche Demokratie, echtes Mitspracherecht
wird auch den Abhängigen der High-Tech-Gesellschaft verweigert.
Gegen diese Entwicklung, die dem einzelnen immer weniger Möglichkeit gibt,
seine individuelle Persönlichkeit durchzusetzen, und ihn zum Mitmacher,
ja zum Mitschuldigen an einer auf künftige Katastrophen hinsteuernde Entwicklung
macht, haben die neuen sozialen Bewegungen der letzten zwanzig Jahre gekämpft
und zunehmend Anhänger gewonnen. Ihre zunehmend techno-kritische, antikapitalistische
Haltung muß den Technokraten Sorgen bereiten. Nachdem sie die Arbeiterbewegung
durch Beteiligung an der ökologischen und imperialistischen Ausbeutung der
Welt korrumpiert und weitgehend ruhiggestellt hatten, mußten sie gegen die
Herausforderungen der Studentenbewegung, Ökobewegung, Friedensbewegung,
Frauenbewegung, Arbeitslosenbewegung eine politische Bewegung finden, die
nicht nur den Wirtschaftsinteressen nützen, sondern auch die Gemüter der
von Zweifeln, Angst, Unsicherheit Bedrängte gefangennehmen könnte.
In den neuen faschistischen Bewegungen haben sie nun so etwas entdeckt,
und es steht zu erwarten, daß die Mächtigen nach anfänglichen Zweifeln (wie
sie übrigens zunächst auch gegen die Nazis bestanden) den neuen „Führern"
genügende Finanzmittel zur Verfügung stellen werden, damit sie die vom Technofaschismus
um ihre Persönlichkeitskräfte Gebrachten über den Gemütsfaschismus erneut
gleichschalten. Während sie selbst, die wahren „Führer", anonym bleiben,
dürfen populäre Massenredner und Agitatoren deutlich hervortreten, Sympathien
gewinnen und die Bürger von ihren wirklichen Interessen ablenken.
Ein wirksamer Kampf gegen den Gemütsfaschismus verlangt die kritische Aufdeckung
der Macht, die der Technofaschismus heute schon in Arbeits- und Konsumwelt
übt. Doch dazu müßte noch etwas Wichtigeres kommen: Die Gegner des Technofaschismus,
die Grünen und die Linken, müssen sich darum bemühen, den Bürgern nicht
nur materielle oder ökologische Verbesserungen anzubieten, sondern die Visionen
einer humanen Gesellschaft, für die sich die Menschen begeistern können.
Mit „Brüder, zu Sonne, zur Freiheit" hat die Arbeiterbewegung Millionen
in Bewegung gebracht. Mit Tarif- und Lohnkämpfen allein können die Herzen
der Menschen nicht gewonnen werden. Wer den „Wärmestrom" des Sozialismus
versiegen läßt, kann nicht hoffen, denen, die mit der „heißen Luft" eines
verquasten Patriotismus falsche Wärme vortäuschen, erfolgreich Widerstand
zu leisten.
Erfolgversprechender Antifaschismus darf die Emotionen der Menschen nicht
vernachlässigen. Sie auf ernstzunehmende und ehrliche Weise anzusprechen
und politisch einzusetzen, ist die Aufgabe einer nicht nur soziologisch,
sondern auch psychologisch denkenden neuen politischen Generation, die lesen
und diskutieren, aber auch zuhören und mit den Menschen sprechen kann. Nur
so werden wir dem neuen Faschismus widerstehen und ihn überwinden.
Vorwort in: Die Rückkehr der Führer. Modernisierter Rechtsradikalismus in Westeuropa. Hg. v. M. Kirfell/ W. Oswalt. Europaverlag, Wien 1991, S. 7ff Abgedruckt in: Robert Jungk: „...damit wir nicht untergehen...". Ausgewählt u. hg. v. Matthias Reichl. Edition Sandkorn, Linz, 1992, S. 120ff. Erhältlich bei: Begegnungszentrum für aktive Gewaltlosigkeit, Postf. 504, 4820 Bad Ischl, Tel. 06132-24590, e-mail: mareichl@ping.at