20.2.2000
Stellungnahme der Rechtshilfe zu den Polizeiübergriffen
vom 19.2.2000
Bereits 3 Tage nach Beginn der Massenproteste gegen die FP/VP-Regierung
schwenkte der ORF auf die Linie der neuen Regierung um. 2 Reporter von fm
4 wurden wegen Haider-kritischen Äußerungen bereits suspendiert. Am Freitag
vor der europaweiten Großdemo wurden im ORF die gewalttätigen Polizeiübergriffe
medial vorbereitet. Interviewpartner waren in erster Linie Regierungsvertreter
der FPÖ, die permanent von gewaltbereiten Ausländern und Kommunisten sprachen,
die Polizei versprach daraufhin, die angeblichen Gewalttäter zu isolieren
unter Mitarbeit der Demonstrationsveranstalter. Bundeskanzler Schüssel:
"Die Altlinken, die 68-Generation, die Jungen und die Internetgeneration
konnten sich austoben. nach heute sind die Demonstrationen zu Ende". Herr
Schüssel ist der erste Kanzler der Nachkriegszeit, der es wagte, ein Demonstrationsverbot
auszusprechen.
Demonstrationsverbot im Vorfeld
DemonstrationsteilnehmerInnen in anderen europäischen Ländern wurden daran
gehindert, zu der Demonstration zu reisen. Aus einer Stellungnahme von französischen
AntifaschistInnen: "Gestern abend haben wir (ca 200 AntifaschistInnen) versucht,
in einen Zug nach Wien einzusteigen. Die französische Polizei hat uns daran
gehindert. Mehrere Genossen sind vorübergehend festgenommen worden. Für
uns ist klar, dass die französische Regierung und mit ihr die französische
Sozialistische Partei nicht wollten, dass radikale AntifaschistInnen in
Wien demonstrierten, sie wollen einen einzigen staatlichen Antifaschismus,
einen bürgerlichen etablierten Antifaschismus. Sie präsentieren sich als
Antirassisten, während sie für brutale und tödliche Abschiebungen von ImmigrantInnen
verantwortlich sind. Als sogenannte Antifaschisten demonstrieren sie heute
in Wien, nachdem sie ihrer Polizei befohlen haben, radikale AntifaschistInnen
anzugreifen. Aber das wundert uns gar nicht und in der Zukunft wird es uns
auch nicht wundern, wenn sie sich mit Haider oder mit anderen FPÖ-Ministern
an denselben Tisch setzen würden."
So ernst ist die Ablehnung der FP-VP-Regierung durch die Regierungsvertreter
der EU-Staaten zu nehmen.
Brutale Polizeiübergriffe in Wien vor Demobeginn
Bei der Teilnahme von jungen Linken aus Tübingen an den Protesten gegen
die FPÖ-ÖVP-Koalition in Wien kam es zu einem Überfall eines Sondereinsatzkommandos
der österreichischen Polizei auf vier Menschen. Nach Auskunft der Beteiligten
wurden sie im Vorfeld der Demonstration, ohne irgendeinen Anlass dazu zu
geben, abgefangen, in einen Hausflur gezerrt, dort verprügelt, beschimpft
und unter Anwendung von Schlägen und Tritten verhört. Die Kleidung, die
Handys, die Handy-SIM-Karten, Uhren und andere Wertgegenstände der Opfer
wurden systematisch und ohne Ausnahme zerstört. Nachdem die Sondereinheit
sie ungewöhnlich lange bearbeitet hatte, wurden ihnen die Schuhe und verschiedene
andere Gegenstände weggenommen und ihnen angedroht, wenn man sie irgendwo
finden würde, würden sie verhaftet und sie könnten sich ausmalen, was dann
mit ihnen geschehe.
An Treffpunkten für aus dem europäischen Ausland anreisenden DemonstrantInnen
wurden während des ganzen Tages Personenkontrollen durchgeführt und deren
Fahrzeuge kontrolliert.
Übergriffe auf der Grossdemonstration
Als die Demo sich in Bewegung setzte, stürmten Spezialeinheiten der Polizei
in die Demo, um den Autonomen Block am Weggehen zu hindern. Als dies nicht
gelang, begann die Polizei wie wild auf die DemonstrantInnen einzuprügeln,
zu Verhaftungen kam es aber vorerst nicht.
Obwohl die Polizei massiv provozierte, kam es nicht zu den von ihr gewünschten
Auseinandersetzungen.
Um zehn traf sich eine Demonstrationsgruppe vor der ÖVP-Zentrale. Herr Haider
hatte sich ausgerechnet ein Restaurant, das 10 Minuten von der Grossdemo
entfernt war, ausgesucht, wo er sich in ein gut einzusehendes Fenster setzte.
Aus einem e-mail an den Standard: "Dieser Zwischenfall war provoziert, wenn
nicht sogar inszeniert." Das ist nicht der einzige Leserkommentar in diesem
Tenor.
Rund 500 Menschen zogen zu dem Lokal. Unter Polizeischutz konnte Haider
das Lokal jedoch noch rechtzeitig verlassen. Die DemonstrantInnen wurden
unter Gewaltanwendung auseinandergetrieben und zogen daraufhin einzeln und
in Kleingruppen ab. Ungefähr gleichzeitig gingen noch unbestätigten Meldungen
zufolge einige Scheiben in Bruch. Wenig später setzte jedenfalls eine polizeiliche
Jagd gegen alles, was irgendwie nach DemonstrantIn aussah, ein. In einer
Seitengasse wurden 15 Jugendliche ungefähr eine Stunde lang eingekesselt
und mehrfach perlustriert. Während dieser Zeit mussten sie mit erhobenen
Händen und dem Gesicht zur Wand an Hausmauern gelehnt aushalten. Das selbe
Szenario war auch auf der Zweierlinie zu beobachten. Der nächste Polizeiangriff
fand vor dem Burgtheater statt. Im Rathauspark wurde einem Demonstranten
die Schnürriemen durchgeschnitten.
Als Resultat der Polizeiaktionen wurden vier Leute ins Polizeigefangenenhaus
überstellt mit Anklagen wegen "Widerstand" und "Landfriedensbruch". Drei
davon waren EU-Bürger. Den gesammelten Aussagen und Gedächtnisprotokollen
nach wurden den ganzen Abend lang insbesondere nichtösterreichische junge
Menschen gejagt, um das Konstrukt der "gewalttätigen Demonstranten aus dem
Ausland" zu rechtfertigen. Durch ihre Zusammenarbeit mit der Polizei und
ihre Distanzierung von angeblichen Gewalttätern, die in Wirklichkeit Opfer
der Polizeigewalt waren, trug SOS-Mitmensch massgeblich zur Gewalteskalation
von seiten der Polizei bei.
Alle, die Polizeiübergriffe beobachtet haben, sollen sich bitte umgehend
bei der Rechtshilfe (jeden Tag ab 19 Uhr) melden. Tel: 535 91 09.